Apple Music: Das Menschliche kann Apples Stärke werden

Radio mit bekannten DJs, ein Künstlernetzwerk und viele persönliche Empfehlungen: Apple Music macht vieles richtig. Spotify-Nutzer sollten trotzdem noch nicht wechseln.

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Apple Music startet in 100 Ländern.  |  © ZEIT ONLINE

Fast könnte man meinen, alles sei von Anfang an so abgesprochen gewesen. Apple kündigt einen neuen Musikstreamingdienst an, die Popsängerin Taylor Swift echauffiert sich in einem offenen Brief an das Unternehmen, weil dieses die Künstler in der kostenlose Probephase nicht für Abrufe bezahlen möchte. Und keine 24 Stunden später lenkt Apple ein: Wir haben euch, liebe Künstler, erhört. Und natürlich bezahlen wir euch, kein Ding. Die letzten Verträge werden unterzeichnet und passend zum Start von Apple Music ist Swift mit ihrem neuen Album dabei ? exklusiv, versteht sich.

Jetzt ist Apple Music verfügbar, in Deutschland und knapp 100 anderen Ländern. Mit dem Dienst möchte Apple nicht nur den Marktführer Spotify unter Druck setzen, sondern die eigene Erfolgsgeschichte digitaler Musik fortsetzen. Mit iTunes und dem iPod hat Apple MP3-Dateien einst massenfähig gemacht. Doch die Tage der Musik auf dem eigenen Rechner scheinen gezählt. Ähnlich wie bei Filmen und Serien kommt die Unterhaltung inzwischen häufig aus der Cloud.

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Im Gegensatz zu Spotify wird Apple Music keine werbeunterstützte Gratisversion anbieten, stattdessen fallen 9,99 Euro pro Monat an. Für Familien wird es günstiger: Sechs Nutzer können für 14,99 Euro monatlich streamen. Für Neugierige bietet Apple auch ein dreimonatiges Probeabo an. Die Zahlungsdaten möchte das Unternehmen trotzdem gleich bei der Anmeldung haben; wer wirklich nur testen möchte, sollte das automatische Abonnement gleich wieder in den Einstellungen deaktivieren. Voraussetzung ist übrigens die am Dienstag veröffentlichte Betriebssystemversion iOS 8.4.

Neue Inhalte sammelt Apple Music in der entsprechenden Kategorie.

Neue Inhalte sammelt Apple Music in der entsprechenden Kategorie.  |  © Screenshot

Radiostationen und ein Instagram für Musiker

Nach der Anmeldung finden Nutzer am unteren Bildschirmrand sechs verschiedene Reiter. Unter “Playlists” und “Meine Musik” gibt es importierte Playlisten und die lokal gespeicherten Songs (inklusive dem ungewollten U2-Album), sofern die entsprechende Synchronisation über iCloud aktiviert ist. Die Cloud-Musikmediathek muss auch für das Offline-Streaming eingerichtet sein, dass Apple Music ebenso wie die Konkurrenz von Spotify oder Google Play unterstützt: Jeder Song aus dem Streaming-Angebot kann per Rechtsklick zur eigenen Bibliothek hinzugefügt werden und ist dann, einmal synchronisiert, auch offline verfügbar.

Nicht offline verfügbar sind die Funktionen Connect und Radio, mit denen sich Apple von anderen Diensten absetzen will. Zwei Dutzend Sender zu verschiedenen Richtungen sind im Angebot, das Kernstück ist der Sender Beats 1: Bekannte DJs sollen hier rund um die Uhr einen globalen Livestream anbieten, mit unterschiedlichen Stilrichtungen und Moderation. Der US-Website Techcrunch fielen dabei interessante Details auf: So gibt es bei Beats 1 teilweise kurze Sponsoren-Erwähnungen, obwohl sich Apple Music eigentlich als werbefrei präsentiert. Auch werden einige Shows hochrangiger DJs in verschiedenen Zeitzonen wiederholt, es ist also nicht immer live. Und sämtliche Kraftausdrücke in Songs werden ? anders als im normalen Streamingangebot ? im Radio ausgeblendet.

Beats 1 ist ein Radiosender mit echten DJs.

Beats 1 ist ein Radiosender mit echten DJs.  |  © Screenshot

Noch hat Beats 1 keinen großen Mehrwert. Die Musikauswahl wechselt stark, auch die Qualität der Shows schwankt. Doch möglicherweise gelingt es Apple, künftig noch mehr Künstler für Livestreams zu gewinnen. Überhaupt sollen sie sich mehr mit ihren Fans vernetzen können, wie auch die Funktion Connect zeigt. Zurzeit versteckt sich hinter dem Reiter lediglich ein verkapptes Instagram: Wer seinen Lieblingskünstlern folgt, findet hier möglicherweise Bilder aus dem Studio, von der Bühne oder Informationen über aktuelle Tourdaten und Platten, die sich empfehlen und kommentieren lassen. Bisher ist Connect wenig mehr als ein Gimmick, zumal momentan vor allem populäre Künstler mitmachen.

Persönliche Playlisten mit einigen Überraschungen

Wichtiger als Radio- und Netzwerkfunktionen dürfte für die meisten Nutzer natürlich der eigentliche Streaming-Katalog sein. Der Menüpunkt “Neu” erklärt sich dabei von selbst, hier finden die Nutzer aktuelle Inhalte, vor allem natürlich möglichst exklusive Alben wie 1989 von Taylor Swift oder den Rap-Klassiker The Chronic von Dr. Dre.

Das Herzstück von Apple Music ist der Bereich “Für Dich”. Wie jeder Streamingdienst, von Netflix bis Spotify, möchte auch Apple auf der Basis von Nutzerdaten möglichst persönliche und genaue Empfehlungen geben. Je mehr Vorlieben die Nutzer preisgeben, desto mehr lernt das Angebot dazu. Aus iTunes importierte Playlisten und favorisierte Songs, mit einem Herzchen versehene Lieder in Apple Music und die bisher gespielten Lieder, all das fließt nach und nach in das persönliche Profil ein.

Zunächst müssen die Nutzer ihre Vorlieben angeben.

Zunächst müssen die Nutzer ihre Vorlieben angeben.  |  © Screenshot

Zunächst aber dürfen die Nutzer selbst ihre Lieblinge auswählen. Aus einer Wolke mit verschiedenen Musikgenres wählen sie ihre Favoriten aus. In der zweiten Runde geht es um einzelne Künstler. Anschließend kann Apple Music bereits eigene Empfehlungen aussprechen. Regelmäßig will der Dienst seinen Nutzern neue Playlisten anbieten, und zwar nicht nur auf Basis von Algorithmen: Labels, Künstler und Journalisten sollen als Kuratoren immer wieder neue Inhalte zusammenstellen, alte Vorlieben und aktuelle Trends aufgreifen. Das Online-Musikmagazin Pitchfork hat etwa bereits zwei Dutzend Playlisten im Angebot, die Auswahl geht von Dark Americana bis  hin zu Forgotten 90s Grrrl Jams.

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